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Mündliche Heilpraktikerprüfung Psychotherapie
Dezember 2013

Gesundheitsamt Karlsruhe

Ich wurde pünktlich von einer sehr freundlichen Ärztin des Gesundheitsamts hereingebeten. Die Atmosphäre war angenehm und entspannt. Das Prüfungskomitee bestand aus 3 Frauen (eine Ärztin, eine Psychotherapeutin und (das weiß ich nicht mehr genau – vermutlich eine Heilpraktikerin). Die Ärztin fragte mich ein paar Dinge zu meinem Werdegang und mit welcher Therapiemethode ich arbeiten werde.

Ich: „Mit der Klientenzentrierten Gesprächstherapie und mit Elementen aus der Kognitiven Verhaltenstherapie.“

Dann ging es schon los mit dem ersten Fall, der mir nicht vorgelesen sondern erzählt wurde, was sehr angenehm war. Ein Mann, 50 Jahre alt von Beruf Lehrer, hat seit Jahren eine Angsterkrankung. Diese ist so stark, dass er nicht mehr arbeiten kann und zweitweise gar nicht mehr aus dem Haus konnte. Da der Mann intellektuell ein hohes Niveau hat, hat er viel gelesen, sich schlau gemacht wie er Ängste überwinden kann. Er ist daher inzwischen soweit gekommen, dass er – jedoch nur zusammen mit seiner Frau – das Haus verlassen kann. Er würde gerne wieder als Lehrer arbeiten, müsste dazu jedoch täglich mit dem Auto fahren oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das schafft er aber nicht und deshalb kommt er jetzt zu mir in Therapie.

Ich wurde gefragt: „Wie gehen Sie hier vor?“
„Ich würde im ersten Schritt Psychoedukation mit dem Mann machen.“

„Und wie machen sie das?“
„Ich würde ihm zuerst den Angstkreis erklären und welche Stressreaktion bei Angst im Körper abläuft.“

„Wie läuft das ab?“, wurde ich gefragt.
„Menschen die sensibel für Körperempfindungen wie z.B. erhöhten Puls sind – oder die schon mal Panikattacken hatten, interpretieren z.B. den erhöhten Puls als Gefahr. Ihr Denken engt sich dadurch ein und sie fixieren sich auf ihren Puls, beobachten ängstlich, was jetzt im Körper passiert. Durch diese Ängstlichkeit (Erwartungsangst) erhöht sich der Puls noch mehr. Das wird als Gefahr interpretiert und der Körper versucht nun uns Menschen in einen Kampf oder Flucht Modus zu bringen (weil ja Gefahr droht). Ganz vereinfacht gesagt: Er schüttet vermehrt Adrenalin und später auch Cortisol aus. Unser Körper wird damit in höchste Alarmbereitschaft gesetzt. Statt Flucht oder Kampf kommt es zu einer Panikattacke mit ihren typischen Symptomen.“

„O.k. wie gehen sie weiter vor mit dem Mann?“
Ich: „Hier kann entweder die Systematische Desensibilisierung in sensu oder die Reizkonfrontation in vivo helfen. Das sind zwei Verfahren aus der KVT. Doch das müsste dann ein Verhaltenstherapeut mit dem Mann machen.“

„Ja“, sagte die Prüferin, „aber der Mann möchte das nicht. Wie würden Sie mit ihm arbeiten?“
„Ich blieb dabei, dass ich diese beiden Methoden selbst nicht nicht anwenden könnte, weil ich dazu nicht ausgebildet bin, dass ich sie aber erklären könnte.“

„O.k. dann erklären Sie sie“, wurde ich aufgefordert.
Ich habe dann beide Verfahren detailliert erklärt. „Bei der Reizüberflutung, geht es ja darum, dass ich als Therapeutin, nachdem ich das Verfahren mit dem Mann besprochen habe, mit in die angstauslösende Situation gehe. Der Mann muss dann solange in der Situation verbleiben bis seine Angst nachlässt.“

Die Ärztin sagte an der Stelle: „O.k. der Mann sagt dann aber, dass er das doch auch mit seiner Frau machen kann und dass er dazu doch keinen Therapeuten benötigt.“
Ich: „Wenn er das mit seiner Frau macht besteht die Gefahr, dass seine Frau, wenn seine Angst zu stark wird, das nicht aushält bzw. überfordert ist – da sie ja involviert ist und ihm sehr nahe steht. Eventuell würde ihn seine Frau schonen und aus der Situation heraus lassen. Das ist bei der Reizüberflutung so nicht vorgesehen. Der Mann muss solange in der Situation bleiben bis die Angst aufhört. Wird die Situation vorzeitig unterbrochen, wäre nichts gewonnen.“
Die Ärztin stimmte mir zu.

Dann sagte sie mir, dass der Mann als Kind eine überfürsorgliche Mutter hatte und wie ich diesen Umstand mit seiner Angsterkrankung in Verbindung bringen würde.
Da fiel mir erstmal nichts ein. Ich überlegte (hier wichtig – sich Zeit nehmen – reinspüren)
Ich: „Es könnte eine Wiederholungsschleife für den Mann sein. Insofern, dass er jetzt >wieder< eine Frau hat, von der er versorgt wird, bzw. auf die er angewiesen ist.“
Die Ärztin stimmte mir zu und meinte, es bestehe ein innerer Konflikt zwischen Autonomie (ICH) und Abhängigkeit (ES). „Wie würden Sie mit diesem Teil der Angsterkrankung arbeiten?“
Ich: „Der Mann soll lernen unabhängiger zu werden und diesen inneren Konflikt in der Therapie bearbeiten. Ich würde mit ihm sprechen, wie er seine Kindheit mit einer überfürsorglichen Mutter erlebt hat. Was ist gut daran abhängig zu sein? Was ist nicht gut? Ich würde Übungen mit ihm machen, Rollenspiele und ähnliches, damit er Grenzen setzen lernt. Es geht zentral darum, sein Erwachsenes-Ich zu stärken.“ Damit war der 1. Fall dann o.k.

Den 2. Fall bekam ich im Anschluss von der Psychotherapeutin vorgestellt:
„Ein Mann Anfang 50, selbständiger Schreiner im eigenen Betrieb kommt zu Ihnen in Therapie. Er erzählt, dass er vor ein paar Jahren einen Unfall mit schweren Folgen für seine Hand hatte. Ihm wurden bei dem Unfall die Nerven durchtrennt und er hatte eine lange Krankheitsgeschichte. Sein Chef sagte damals zu ihm, er könnte sich ja aufgrund seiner Verletzung an der Hand, die er ja als Schreiner unbedingt braucht, berenten lassen. Der Mann fand das unmöglich und kündigte drauf hin. Er dachte: >Dir zeige ich es< und machte sich selbständig .Er baute in den nächsten Jahren eine eigene Schreinerei auf. Seit dem schuftet er ununterbrochen für dieses Unternehmen. >Ich muss da ja<, meinte er, >es geht ja nicht anders<. Er erzählt, dass seine Ehe momentan auch nicht mehr so gut läuft. Und gesundheitlich geht es ihm gar nicht gut. Er hat oft Schmerzen, ist todmüde, kommt manchmal kaum aus dem Bett und irgendwie macht ihm alles keinen Spaß mehr. Wenn er nach 12 Stunden Arbeit nach Hause kommt, muss er sofort ins Bett und schlafen. Er kann unmöglich noch Freundschaften pflegen oder sich um seine Familie kümmern.“

Die Psychotherapeutin fragte: „Was sind Ihre differenzial-diagnostischen Überlegungen bzw. Diagnose?“
Ich: „Ich denke zuerst an ein Burnout, weiter an eine Neurasthenie und an ein depressives Syndrom.“ Ich sagte, dass es die Diagnose Burnout >eigentlich< so nicht in der ICD-10 gibt. Burnout findet sich jedoch als Zusatz unter Z73 und kann mit angegeben werden. Dann bin ich auf die depressiven Symptome eingegangen: „Der Mann ist todmüde und muss nach der Arbeit sofort ins Bett, Interessenverlust, sozialer Rückzug aufgrund Überbelastung, Schmerzen.“ Ich sagte: „Er hat zusätzlich eine Depression.“
„Welche Depression hat er?“

Ich: „F32 – Depressive Episode, mittelgradig mit Burnout.“
Dem wurde zugestimmt. „Wie sind denn Menschen mit Burnout typischerweise?“

Ich: „Sie spüren sich nicht, sie gehen über ihre Grenzen, im Vordergrund steht nur noch die Arbeit, die Leistung und das >ich muss<, sie sind außerdem perfektionistisch veranlagt.“

Dann wie im 1. Fall: „Wie arbeiten Sie mit dem Mann?“
Ich: 1. Schritt: „Psychoedukation zu Burnout und Depression. 2. Schritt: Ich würde mit dem Mann Entspannungsübungen machen, Wahrnehmungs- und Achtsamkeitsübungen, damit er sich wieder spüren lernt, seine Grenzen wahrnehmen lernt.“

Die Therapeutin sagte dann: „Was ist noch ganz wichtig? Was ist die 3. Säule bei Burnout?“

Da fiel mir spontan nichts ein.

Sie: „Freizeit-Aktivitäten-Aufbau.“

Das griff ich auf und sagte noch einige Dinge zur Work-Life-Balance und dass es das Ziel sei, dass der Mann wieder ins Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeitgestaltung kommt. Damit war der 2. Fall dann auch o.k.

Ich wurde hinausgebeten und nach ein paar Minuten wieder herein. Bestanden!

Ich bedankte mich für die angenehme Atmosphäre und machte erstmal einen Luftsprung.
Ich wünsche allen Prüflingen eine erfolgreiche Prüfung! Ganz wichtig in Karlsruhe ist die Vorgehensweise (unbedingt die Verhaltenstherapie kennen – auch, wenn man sie selbst nicht oder nur teilweise praktiziert).