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Mündliche Heilpraktikerprüfung Psychotherapie Mai 2015

Gesundheitsamt Krefeld

Dauer: ca. 20 Minuten

Anwesende: Amtsärztin, Facharzt für Psychotherapie (Dr. Stiefelhagen), 2 Heilpraktikerinnen, Protokollantin

Den größten Teil der Prüfung übernahm Dr. Stiefelhagen. Er fragte verständlich und wohlwollend.

 

Dr. Stiefelhagen: Was wissen Sie über Persönlichkeitsstörungen?

 

Antwort: Stark ausgeprägtes, dauerhaft unflexibles Verhalten abweichend von der soziokulturellen Norm in Bezug auf Kognitionen, Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, soziale Interakion. Tritt schon im Kinder- bzw. Jugendalter auf und zeigt sich in voller Ausprägung im Erwachsenenalter. Erst ab 16 zu diagnostizieren.

 

Dr. Stiefelhagen: Wie kann man sich die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen vorstellen?

 

Antwort: Nach Freud gibt es verschiedene Entwicklungsphasen in der Kindheit mit unterschiedlichen Entwicklungsthemen. Wenn die Bedürfnisse des Kindes dann nicht erfüllt werden, empfindet es große Angst. Um diese Angst nicht spüren zu müssen, entwickelt es Abwehrmechanismen, die ihm helfen mit der Situation fertig zu werden. Diese so gelernten Strategien, die im Kindesalter sinnvoll waren, behält es auch im Erwachsenenalter bei. Wenn dann die Verletzungen aus der Kindheit im späteren Alter in bestimmten Situationen wieder berührt werden, wird der aktualisierte Konflikt wieder mit den erlernten Strategien durch den Erwachsenen gelöst. Diese sind aber nicht mehr sinnvoll und angemessen, sondern zeigen sich dann als neurotische Verhaltensweisen.

 

Dr. Stiefelhagen: Gibt es auch noch andere Erklärungsmöglichkeiten.

 

Antwort: Die Entstehung ist immer auch multifaktoriell (genetische Disposition, evtl. Einflüsse frühkindlicher Erkrankungen)

 

Dr. Stiefelhagen: Können Sie mir 3 bis 4 Persönlichkeitsstörungen nennen?

 

Antwort: Aufzählung von Persönlichkeitsstörungen.

 

Dr. Stiefelhagen: Sie haben auch schon die Borderline Störung genannt. Was wissen Sie darüber?

 

Antwort:

1. Selbstverletzendes, parasuizidales, suizidales Verhalten

2. Identität: instabil und chronisches Gefühl von innerer Leere

3. Emotionen: instabil (affektlabil), impulsiv: keine Kontrolle über Gefühle wie z. B. Wut

4. Beziehungen: instabil, intensiv, große Angst vor Verlassenwerden

Auch Flashbacks möglich aufgrund von Kindheitstrauma

 

Dr. Stiefelhagen: Gibt es Möglichkeiten diese Störung zu therapieren?

 

Antwort: Therapie der Wahl. DBT nach Marsha Linehan

Diese Therapie verbindet Elemente der KVT mit einer Schulung der Achtsamkeit und soziales Fertigkeitstraining in der Gruppe. In der ersten Phase geht es vor allem darum, das selbstverletzende Verhalten zu reduzieren. (Notfallkoffer: Ablenkung durch starke sensorische Reize, z. B. saure Bonbons, Chilischoten, harte Bürste, Coolpack etc. ), Atemübungen, Achtsamkeitsübungen.

Dann geht es darum die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und widersprüchliche Denkmuster zu verbinden.

 

Dann meinte Dr. Stiefelhagen, er sei sich sicher, dass ich noch mehr darüber erzählen könnte, aber ihm würde es so reichen.

 

Danach übernahm eine Heilpraktikerin. Sie stellte mir einen kurzen Fall dar:

Ein 17-jähriges Mädchen kommt mit ihrem Vater zu mir in die Praxis. Sie sitzt still da, während ihr Vater berichtet, dass seine Tochter am Wochenende bei einer Freundin gewesen sei. Dort habe sie sich ein brennendes Holzscheit aus dem offenen Kamin genommen und sich versucht, damit anzuzünden. Er würde sich Sorgen machen und wolle wissen, was mit seiner Tochter los sei.

 

Meine Frage nach einem auslösenden Ereignis wurde verneint. Auch gäbe es keine Veränderungen im Schlaf- oder Essverhalten. In der Schule laufe alles bestens. Sie hätte sich allerdings immer mehr zurückgezogen, wäre ruhiger geworden und würde nicht mehr Klavier spielen. Als die Heilpraktikerin mir den Hinweis gab, ob es mir nicht seltsam vorkomme, dass der Vater das Mädchen begleite, dachte ich zunächst an Missbrauch und sagte, dass ich den Vater rausschicken würde. Aber auch hier fand ich keinen Ansatzpunkt, genauso wurde Drogen- und Medikamentenkonsum verneint. Beim Arzt waren sie noch nicht gewesen. Ich muss gestehen, dass ich etwas ratlos war, als auch keine depressive Symptomatik zu finden war. Die Heilpraktikerin versuchte mir zu helfen, indem sie mich darauf hinwies, nach der Mutter zu fragen. Dabei stellte sich dann heraus, dass die Mutter vor 3 Jahren aus dem Fenster gesprungen sei. Dies war für mich ein Hinweis auf eine familiäre Vorbelastung. Als ich dann fragte, ob das Mädchen sich denn umbringen wollte, stellte sich heraus, dass sie psychotische Symptome hatte (Ich glaube, es waren Stimmen, die sie beeinflussten. Genau habe ich da nicht mehr hingehört, weil ich einfach nur erleichtert war, diesen Hinweis zu bekommen.) Ich platzte mit der Diagnose „Hebephrene Schizophrenie“ heraus, und die Heilpraktikerin wollte dies anscheinend auch hören. Mir kamen allerdings sofort Bedenken, und ich wunderte mich, weil ich mit hebephrener Schizophrenie immer eine läppisch-heitere Affektlage verbunden hatte. Daraufhin meinte die Heilpraktikerin, dass dies tatsächlich so in den Lehrbüchern stünde, dies aber nicht immer so sein müsse. Sie wollte noch die Prognose von der hebephrenen Schizophrenie wissen und war dann fertig.

 

In diesem zweiten Teil habe ich mich ziemlich unsicher gefühlt und war froh über das Wohlwollen der Prüferin. Sie versuchte mich zu unterstützen, aber leider haben mich ihre Hilfen auch verwirrt. Als Tipp an alle, die einen Fall bekommen: Haltet Euch an die Elementarfunktionen!

Wenn ich einfach diese abgefragt hätte, wäre ich auch zu den inhaltlichen Denkstörungen und den Wahrnehmungsstörungen gelangt, und dann wäre die Sache sofort klar gewesen.

 

Nach der Prüfung sagte mir die Amtsärztin sofort, dass ich, wie ich ja schon anhand der entspannten zurückgelehnten Haltung der Anwesenden entnehmen könnte, bestanden hätte.

 

Insgesamt herrschte in der gesamten Prüfung eine angenehme, wohlwollende Atmosphäre. Ich hatte den Eindruck, dass nach dem ersten Teil mit Dr. Stiefelhagen die Entscheidung schon klar war, so dass auch der zweite nicht so ruhmreiche Teil nicht mehr wirklich ins Gewicht fiel.

Die Prüfer fanden es gut, dass ich meine Antworten sehr systematisch gegliedert und vollständig präsentierte.